Nina: Marvin, wir haben uns heute hier getroffen, um über die Codes des Erfolgs und des Reichtums zu sprechen. Viele Menschen glauben, dass man Reichtum am Logo erkennt. Du sagst: Das Gegenteil ist der Fall. Warum?
Marvin Keil: Hallo Nina. Schau, es ist eigentlich ganz logisch. Ein Logo ist erstmal pauschal eine Art Abkürzung. Es sagt: „Ich gehöre zu dieser Marke.“ So ist es ja auch mit Berufskleidung. Der Unterschied zwischen der Berufskleidung und der Marken-Logo-Kleidung ist die Ausstrahlung. Es ruft nach „Sieh, ich kann es mir leisten“ Das ist für den Einstieg völlig legitim. Aber echtes Standing braucht keine Abkürzung. Wenn die Qualität der Kleidung – der Schnitt, der Fall des Stoffes – für sich spricht, wirkt das wesentlich souveräner. Es ist die Differenz zwischen „Auffallen“ und „In Erinnerung bleiben“.
Nina: Aber ist es nicht auch ein wenig elitär zu sagen: „Nur wer den Stoff erkennt, gehört dazu“?
Marvin Keil: Es geht weniger um Ausgrenzung als um Understatement. Wer extrem viel erreicht hat, möchte oft gar nicht als wandelnde Werbetafel fungieren. In meinen Kreisen ist Kleidung ein Werkzeug. Ein Logo lenkt vom Menschen ab. Ohne Logo steht die Persönlichkeit im Vordergrund – und die Qualität des Anzugs unterstreicht diese lediglich diskret. Ein kleines Logo oder Markenzeichen ist natürlich kein No-Go und kann ja auch die Überzeugung einer Marke oder den dazu passenden Charakter zeigen.
Nina: Du hast es eben schon angedeutet. Wie sieht es mit diesen „indirekten“ Markenzeichen aus? Ein bestimmtes Futter oder eine spezielle Naht? Ein kleines Muster bei dem man direkt merkt „Das muss doch von … sein“?
Marvin Keil: Das ist der „Gentleman’s Shake“ der Mode. Man erkennt sich untereinander, ohne es dem Rest der Welt unter die Nase zu reiben. Es ist eine Form der Wertschätzung für Handwerkskunst und Detailverliebtheit. Es ist ein bisschen wie bei einem guten Wein: Das Etikett ist für den Supermarkt wichtig, der Kenner interessiert sich für die Daten und schmeckt das Anbaugebiet auch blind.
Nina: Lass uns über Gegenstände sprechen. Früher war die dicke goldene Uhr das Ziel. Was ist es heute?
Marvin Keil: Heute ist es die „Invisibilty“. Nehmen wir wie von Dir angestoßen, die Uhren: Eine Uhr, die technisch hochkomplex ist, aber aus Titan oder Weißgold besteht und daher wie Edelstahl wirkt, ist das neue Nonplusultra. Warum? Weil man sie für sich selbst trägt, nicht für die Galerie. Wer eine sehr auffällige Uhr trägt, muss damit rechnen, dass das Gegenüber ständig auf das Handgelenk schaut statt sich auf das wesentliche Gespräch zu konzentrieren.
Nina: Und bei der Technik? Gibt es da auch diese Abstufungen?
Marvin Keil: Absolut. Es ist fast schon ein amüsanter Trend. Achte in Zukunft Mal auf die Smartphones verschiedener Menschen: Ein völlig ungeschütztes Smartphone ohne Hülle signalisiert paradoxerweise mehr Wohlstand als das teuerste Case. Es vermittelt die Gelassenheit, dass man sich im Zweifel sofort ein neues kauft, sollte es herunterfallen. Es ist dieses „Sorgenfrei-Gefühl“, das Luxus eigentlich ausmacht. Na klar trifft es auch nicht immer zu, es gibt ja viele Gründe, weshalb man keine Hülle hat, aber dieser Trend hat sich die letzten Jahre genau so ergeben.
Nina: Du erwähntest einmal, dass auch das Thema „Reisen“ ein Statussymbol sein kann, das ohne Logos auskommt.
Marvin Keil: Genau. Schau dir Koffer an. Ein Koffer mit riesigem-Print schreit nach Aufmerksamkeit am Kofferband. Der wirklich Vermögende reist oft mit Taschen aus hochwertigem, unmarkiertem Leder, die mit der Zeit Patina ansetzen oder edlen Aluminiumkoffern die bereits die eine oder andere Delle haben. Hier sind aber oftmals die Dellen größer als das kleine, aber trotzdem erkennbare Logo der Marke. Das signalisiert: „Ich reise viel, ich reise weit, und ich muss niemandem beweisen, dass ich mir das Ticket leisten konnte – mir geht es um die Marke und das Material.“
Nina: Ist das nicht auch eine Form von Stolz, so extrem „normal“ wirken zu wollen?
Marvin Keil: Für viele ja. Aber es ist ein entspannter Stolz. Es ist die Freiheit, nicht mehr beeindrucken zu müssen. Wer einfach in seinen perfekt sitzenden, Kaschmirpulli schlüpft, hat diese Zeit bereits gewonnen.
Nina: Was ist mit Autos? Ist der Sportwagen passé?
Marvin Keil: Sagen wir so: Der Sportwagen ist das Hobby für das Wochenende oder um Situationen in denen es wirklich darauf ankommt. Ein Sportwagen ist ja nicht nur ein Fortbewegungsmittel, sondern auch ein Werkzeug. Es macht Spaß und diesen Spaß möchte man seinem Gegenüber auch bereiten. Ich kenne sehr viele Menschen die Sportwagen gar nicht für sich selbst fahren, sondern als Netzwerkmittel nutzen. Aber wahrer Status im Alltag ist nicht laut, sondern gibt den maximalen Komfort und die Sicherheit. Das laute Sportwagen für absoluten Reichtum steht, wird uns von Personen in den Medien vorgelebt. Ist ja auch verständlich – das Kapital der Personen in den Medien ist die maximale Sichtbarkeit, denn nur ein sichtbarer Schauspieler, Musiker oder Moderator wird auch wieder gebucht und nicht vergessen. Doch die meisten meiner wirklich erfolgreichen und vor allem reichen Kunden lassen sich im Alltag von einem Chauffier in einem maximal ausgestatteten Van oder einer Oberklasse-Luxus-Limousine mit getönten Scheiben fahren. Reichtum bedeutet heute auch, nicht überall erkannt oder bewertet zu werden. Privatsphäre ist das teuerste Gut der Welt.
Nina: Wenn du jemandem einen Rat geben müsstest, der professionell und „wertvoll“ wirken möchte, ohne arrogant zu sein?
Marvin Keil: Investiere in die Passform, nicht in den Namen. Ein 1000-Euro-Anzug vom Schneider wirkt wertvoller als ein 2000-Euro-Anzug von der Stange, an dem die Ärmel zu lang sind. Und: Achte auf die Schuhe. Sie müssen nicht teuer sein, aber sie müssen gepflegt sein. Sauberkeit und Passform schlagen jedes Logo.
Nina: Ein sehr bodenständiger Abschluss, Marvin. Vielen Dank für das Gespräch!
Marvin Keil: Sehr gerne, Nina. Und denk dran: Das beste Accessoire ist ohnehin ein sicheres Auftreten – das gibt es glücklicherweise nicht im Designer-Store.
